SAM INKINEN (HG.): MEDIAPOLIS. ASPECTS
OF TEXTS, HYPERTEXT AND MULTIMEDIAL COMMUNICATION. BERLIN/NEW YORK:
DE GRUYTER 1999.

Mediapolis hat der Herausgeber Sam Inkinen seinen Sammelband genannt, in dem in der nüchternen Seriosität des Untertitels Aspekte von Texten, Hypertexten und multimedialer Kommunikation behandelt werden, der aber tatsächlich größere Ambitionen hegt, nämlich auszuloten, wie denn die elektronische Zukunft unserer Gesellschaft aussehen wird. Mit Mediapolis fügt Inkinen den vielen Bezeichnungen (Informationsgesellschaft et cetera), die das neue beziehungsweise aktuelle Paradigma gesellschaftlicher Totalität beschreiben sollen, eine weitere hinzu. Mediapolis knüpft natürlich an ›Mediengesellschaft‹ an – Leitgedanke ist, daß die gegenwärtigen Medien, sowohl in den klassischen massenmedialen Verteilformen als auch, und vor allem, in den interaktiven, individualisierenden ›neuen Medien‹ im Umfeld des Internet, den aktuellen Zeitgeist bestimmen.

Den Zeitgeist prägen sie, weil die die Medienproduktion bestimmenden Informations- und Kommunikationstechnologien nicht mehr isoliert gesehen werden können, sondern in alle Lebensbereiche eindringen. ›Informatisierung der Lebenswelten‹ hatte man das genannt; ›Telematisierung‹ trug im Gefolge von Nora/Minc dem fortschreitendem Prozeß der Vernetzung Rechnung;[1] heute kann man wegen des Zusammenspiels von Telekommunikation, Medien/Multimedia und Informatik von ›Telemediatisierung‹ sprechen.[2]

In dem Sammelband sind der Artikel von Mauri Ylä-Kotola über die philosophischen Grundlagen der Filmarbeit von Jean-Luc Godard, der Artikel von Brett Dellinger über Diskursstile im amerikanischen kommerziellen Rundfunk, auch der Artikel von Kari Kallioniemi über Rock Discourse und schließlich der von Tuija Niskanen über die korporative Philosophie und kommunikative Strategie von Benetton alle dem nicht-elektronischen Bereich der Medien zuzurechnen.

Die Artikel von Hannu Eerikäinen über Cybersex, von Sam Inkinen über die Rhetorik des ›elektronisch Sublimen‹ im Internet, von Herwig G. Höller über Internet und die neuen Medien in Russland und von Anita Nuoppen und Esa Kunelius über Arbeiten, Lernen und Freizeit im der elektronischen Welt von Morgen gehören zu der neuen Welt von Mediapolis.

Die meisten Arbeiten sind aber theoretischen Aspekten der Herausbildung beziehungsweise den methodischen Grundlagen von Mediapolis insgesamt gewidmet, und zwar: Ernest W. B. Hess-Lüttich über eine Narratologie holistischer Texte, in der auf breite Weise Ansätze einer Texttheorie für Hypertext entwickelt werden; Sergio Cicconi über Hypertextualität, von Nelson bis zur Mitte der 90er Jahre (die für die Gegenwart entscheidende WWW-Entwicklung bleibt bei diesem Zeitfenster ausgeblendet); Mikle D. Ledgerwood über multimediale Literatur, deren hypertextuelle Prinzipien er herausarbeitet; drei semiotisch-philosophische Artikel: Werner Konitzer über die Möglichkeiten einer Medienphilosophie, in der er Medien als bedeutungsvolle Gesten interpretiert; Marcello La Matina mit dem Vorschlag für ein Schema einer semiotisch-philologischen Theorie der Kommunikation und Paolo Teobaldelli zu Aspekten multimedialer Kommunikation insgesamt, wobei er die Grenzen des klassischen monodirektionalen Informations-, Sender-Empfänger-Modells aufzeigt und ein neues genuin multimediales Modell der Kommunikation vorschlägt.

Klar erkennbar, daß diese durch Mediapolis beschriebenen Themen ›unserer Gesellschaften‹ natürlich die westlicher Territorien sind. Wenn auch Sam Inkinen in seinem Vorwort anklingen läßt, daß er ›geschockt und überrascht‹ sei über die Ungleichheit in der technischen Entwicklung in der Welt (digital divide), über die eher ansteigenden Unterschiede zwischen den ›information haves‹ und den ›information have-nots‹, so spielt das in den Artikeln des Sammelbandes keine Rolle – vielleicht mit der auch sonst bemerkenswerten Ausnahme des erwähnten Aufsatzes von Tuija Niskanen über die von Oliviero Toscani entworfenen Marketingstrategien von Benetton, in der die Benetton'sche skurrile, erfolgreiche und irgendwie auch anrührende Dialektik von knallharter Werbemasche und gesellschaftlicher Verpflichtung, Tabu-Themen auf die Agenda der öffentlichen Diskussion zu bringen, nachgezeichnet wird. In diesem Artikel wird der Nachweis geführt, daß das Medium der Werbung dafür verwendet werden kann, soziale und politische Themen und Un-Themen (Tabus) in eine breite Öffentlichkeit zu tragen, natürlich zum Wohl und Förderung des Verkaufs der Benetton-Produkte, aber auch – und das muß man den Benettons tatsächlich abnehmen – als Möglichkeit, in globale Bewußtseinsbildung einzugreifen und die politische Agenda zu beeinflussen. Die Bilder des sterbenden HIV-Mannes, die ölverschmierte Ente, das blutbefleckte T-Shirt des Soldaten, die ein weißes Baby stillende schwarze Amme sind Provokation, aber schon Teil einer global gewordenen Ikonographie geworden, mit dem noch unübersehbaren Effekt, daß gleiche Bilder, global verteilt, in unterschiedlichen Kulturen ganz verschieden aufgenommen werden.

Die Themen des Sammelbandes sind, wie gesagt, die der westlichen Welt. Deren Probleme – wollte man es polemisch kritisieren – reduzieren sich darauf, daß dem Herausgeber in Boston das Mißgeschick passiert sei, daß die AT-Maschine ihm ohne erkennbaren Grund die Kreditkarte verschluckt hatte. Inkinen steht in der westlichen Kulturtradition. Mit Mediapolis greift er auf die platonische Vision der Polis zurück, auf die im Stadtstaat versammelten, selbstbestimmten freien Bürger. Der ›Stadtstaat‹ heute könnte das McLuhan'sche ›global village‹ sein. Für es gelten ebenfalls die dem Polis-Entwurf gleichermaßen inhärenten utopischen Erwartungen und dystopischen Befürchtungen. Sind es heute wirklich alle, die in der Mediapolis ein freies und glückliches Leben führen können? Wohl kaum – bislang nicht und auf absehbare Zeit sicherlich auch nicht.

Mit Mediapolis scheint sich das ›Ideal‹ der Polis fortzusetzen, denn auch die reale Polis des Athen – nicht identisch mit dem Platonischen Ideenentwurf – war nicht der Ort der Freiheit aller, sondern nur derjenigen, die per Geburt oder Besitz ihre Privilegien geltend machen konnten. Insofern ist Mediapolis dann doch wohl – zugestandenerweise entgegen der Intention des Herausgebers – die passende Bezeichnung für die Realität der Medienwelt: die Herrschaft derjenigen, die die Potentiale der neuen Technologien und der durch sie möglich gemachten Dienste rascher und nachhaltiger für ihre Interessen nutzen können als andere, die entsprechend immer mehr zurückbleiben. Das weiß man aus der allgemeinen Medientheorie: Medien determinieren nicht die gesellschaftliche und politische Realität (nicht der Buchdruck den Protestantismus), sie schaffen auch nicht in ihren globalen Ausprägungen der Internetdienste das Paradies der Chancengleichheit aus sich heraus und von selbst, sondern wirken verstärkend auf das, was entweder ohnehin ›das Sagen‹ hat oder begünstigen die, in deren Schemata der Aneignung von Macht und Einfluß sie bestens passen.

Daß der Sammelband auf diese politischen Implikationen nicht weiter eingeht, obgleich im Vorwort kurz auf sie angespielt wird, könnte ein gewichtiges Argument gegen die Auswahl der Beiträge beziehungsweise deren Thematik sein. Aber das ist auch schon fast das einzige. Und möglich wird auch dieser Einwand der politiklosen Theorieorientierung dadurch entkräftet, daß der Aufweis der den neuen Medien zugrundeliegenden Potentiale und Prinzipien vielleicht mehr, auch politische und soziale Sprengkraft hat als die direkt geführte politische Auseinandersetzung.

Beispiele für diese Sprengkraft medialer Umgestaltung finden sich genug in dem Band: Hess-Lüttich reflektiert den Wandel in unserem Verständnis von Kreativität, wenn diese im Navigieren durch Hypertexte eher von den Fähigkeiten der Hypertextsoftware und der Hypertextmaterialien als von der individuellen Begabung des ›Lesers‹ abhängt. Cicconi fragt sogar noch radikaler, wenn er kognitive Plausibilität der nicht-linearen Hypertextorganisation von Wissen vermutet (ohne diesen Ausdruck selber zu benutzen) und damit eine radikale Umgestaltung unserer kognitiven Prozesse insgesamt für wahrscheinlich hält. Daß das dann auch Auswirkungen auf unser Verständnis von Literatur und Autorschaft haben wird, zeigt Ledgerwood auf. Konitzer versucht das in seinem phänomenologischen Ansatz einer Medienphilosophie zu verallgemeinern, indem er aufzuspüren versucht, auf welche Weise und in welchem Ausmaß die technologisch bestimmten Medien Teil einer linguistischen Superstruktur sind, die bestimmen, was und wie wir denken und dann auch handeln. Etwas schade, daß es bezüglich der intellektuellen Zeitzeugen bei Husserl (Heidegger) und Wittgenstein bleibt – medien-/kommunikationstheoretisches und ethno-/psycholinguistisches Material hätte hier gut zur Konkretisierung der Aussagen gepaßt. Ansatzweise (aber auch stark an der philosophischen Literatur orientiert) holt das La Matina im Gefolge von Nelson Goodman nach, indem er sehr detailliert die Beziehung von Medien und Sprachen befragt.

Auf die Abkehr vom traditionellen informationstheoretischen Kanalmodell der Kommunikation bei Teobaldelli wurde schon hingewiesen. Mit Medien wird eine kommunikative Partnerschaft aufgebaut, jenseits des bloßen Transports von Informationen, die unsere Tagesabläufe, unsere Interessen, Einschätzungen und Handlungen mindestens genauso bestimmen wie die Interaktionen mit anderen Personen. Wie genau das funktionieren kann, zeigt Dellinger in seiner Analyse des Sprachverhaltens in amerikanischen Fernsehsendungen (Smalltalks, Interviews et cetera) auf, bei der der Vorwurf von Noam Chomsky untersucht werden soll, daß der Kommerzialisierungsdruck der US-Medien dazu führe, daß dort kein freier, argumentativer Diskursstil mehr möglich sei, sondern daß nur noch bevorzugt Leute, zum Beispiel als Gäste in Talkshows, aufträten, die über das verfügen, was der Autor »concision« nennt: »they should at least be competent to choose the proper lexical items, or the right gestures, or the right intonation and vocabulary to ›carry‹ the audience to the next commercial«. (S. 168)

Damit deuten sich ganz neue Forschungsbereiche an, wenn untersucht wird, welchen strukturellen Bedingungen (Constraints) wir bei der Teilhabe an elektronischen Kommunikationsdiensten (Videokonferenzen, Virtuellen Büros und Universitäten, Foren, Chats, MUDs et cetera) unterliegen (das untersuchen in dem Sammelband Nuopponen und Kunelius) oder welche Zeichensysteme in welchen Kulturkreisen bei der Ausgestaltung der Webauftritte ›politisch korrekt‹ und/oder kommunikabel sind, wenn denn die Aufmerksamkeit zumindest für eine (kommerziell relevante) Minimalzeit auf einer Webseite gefesselt werden soll.

Wir können nicht alle thematischen Höhepunkte herausstellen. Der Band versammelt auf ungewöhnliche Weise ein breites Spektrum innovativer Ideen – innovativ deshalb, weil sie nicht nur auf Erkenntnis abzielen, sondern sehr deutlich machen, daß der mediale Wandel Lebenswelten und Weltbilder verändern werden, also Wirkung zeigen wird. Der Sammelband ist für das deutsche (aber auch das internationale) Publikum auch deshalb interessant, weil hierdurch, neben anderen internationalen Autoren, auch verschiedene Autoren aus dem skandinavisch-finnischen Bereich bekannt werden können, die sonst eher übersehen werden. Hier spiegelt sich langjährig fundierte skandinavische Medien- und Internet-Erfahrung wider, die aber auch an philosophische Traditionen reflektiert anschließen kann. Wir können nur zu dieser anregenden und weiterführenden, wenn auch keineswegs leichten Lektüre empfehlen.

Leider dauert der Herstellungsprozeß eines solchen, im übrigen sehr schön präsentierten und mit guten Registern versehenen Buches immer noch zu lange. In einem 1999er Buch enden die Literaturhinweise mit dem Jahr 1995, einige wenige sind noch von 1996 hereingerutscht. Die fehlenden drei Jahre sind Jahre intensiver Publikations- und Konferenztätigkeit auf den Themengebieten des Buches. Aber doch auch wieder beruhigend zu erfahren, daß in der Hektik der fast schon mit dem Tagesdatum verifizierten (und oft sehr bald nicht auffindbaren) URL-Referenzen von Web Sites Aufsätze in einem sorgfältig editierten Sammelband stabile Orientierungsleistungen erbringen können. Und dann geht auch in der Internetwelt zum Glück nicht alles so rasch. Die grundlegenden methodologischen Konzepte von Hypertext, Nicht-Linearität und computer-vermittelter Kommunikation sind in den letzten zehn Jahren stabil geblieben. Das nicht-lineare Paradigma erweist sich weiterhin als stark, um immer neue Dienste und Medienprodukte zu erzeugen, die die Grundlage unseres Leben in Mediapolis sind.

Rainer Kuhlen (Konstanz/Berlin)

Prof. Dr. Rainer Kuhlen
Informationswissenschaft
Universitšt Konstanz
Fach D 87
78457 Konstanz
rainer.kuhlen@uni-konstanz.de

(1.Oktober 2000)
[1] Alain Minc/Simon Nora: Die Informatisierung der Gesellschaft. Frankfurt a. M. u.a.: Campus 1979.
[2] Rainer Kuhlen: Die Konsequenzen von Informationsassistenten. Was bedeutet informationelle Autonomie oder wie kann Vertrauen in elektronische Dienste in offenen Informationsmärkten gesichert werden? Frankfurt a. M.: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1999.